Was ist zu beachten bei der Haltung/Bewegung der rechten Hand (bzw. Anschlagshand) beim Gitarrenspiel?

Die rechte Hand, die durch Anschlagen der Saiten schließlich die (wunderhübschen) Töne auf unserem (wunderhübschem) Instrument erzeugt, kann man (schon gar nicht so ein alter guitarman like me) nicht eben in drei Sätzen abhandeln. Je nach Stilistik bzw. Instrument (E-Gitarre, Klassik oder Acoustic/Western) haben sich verschiedene grundlegende Haltungen entwickelt. Liebe LinkshänderInnen, Ihr spielt meist mit umbesaiteten Gitarren umgekehrt, für Euch gilt das Ganze dann also für die linke Hand, o.k.?

Hier zunächst ein paar Basics für die rechte Hand, die für die klassische Gitarre (dat Ding mit den Nylonsaiten..) Sinn machen, bzw. "gute Tönchen mit möglichst wenig Muskelanstrengung" erzeugen können (das ist übrigens 'ne goldene Regel für die rechte Hand!).

I. Die rechte Hand bei der klassischen Gitarre:
(gilt auch für Western/Acoustic..s.u.)

klassische Gitarre

1. Entspannte Haltung (rechts sogar noch wichtiger!)

Oberstes Gebot, wie immer beim Gitarrenspiel (und auch im normalen Leben ;-), locker bleiben! D.h. nur die Muskeln und Sehnen der rechten Hand und des rechten Arms anspannen, die absolut nötig sind und alle anderen locker lassen. Herauszufinden welche Muskeln etc. nötig sind, braucht's freilich einige Erfahrung und immer wieder guter Selbstkontrolle. Man sollte sensibel für seine Muskulatur werden...(das stand Alles auch schon bei der linken Hand - stimmt aber trotzdem!).

2. Hinhören und gute Töne "Wollen" (wo ein Wille ist, ist auch ein guter Ton)

Es gibt verschiedene Auffassungen, wie die Finger beim Anschlag die Saiten berühren. In der alten "spanischen Schule" hatte man ein anderes Haltungsideal der rechten Hand bzw., wie gute, voll klingende Töne aus der Guitarra geholt werden (darum geht's nämlich...), als wie es größtenteils seit 70er, 80er Jahren gelehrt wird. Ich will nicht behaupten das nachfolgende Modell (s.u.) das einzig wahre ist - Hauptsache bei der ganzen Sache ist HINHÖREN und DEN BESTEN ANSCHLAGSPUNKT finden.


Ich stelle Euch hier das Modell vor, wie ich's vor ca. 20 Jahren gelernt hab', und wie es sich bei meinen SchülerInnen bewährt hat. Es geht darum einen Weg zu finden, wie man die Kraft der Finger am lockersten auf die Saite überträgt und die Saite möglichst glatt über den Finger rollt, damit ein schöner, voller Ton entsteht. Das Wichtigste ist zunächst, man muß einen guten Ton erzeugen WOLLEN.

Also erst mal unterscheiden lernen, was klingt gut, besser bzw. schlecht, weniger schön. Viele Leute hören sich selbst nicht kritisch genug zu. Da wird an den Saiten gerupft, das es nur so rappelt. Auf bescheidenen Gitarrenlehrerhinweis, "hör doch mal ein bisserl hin..", kommt dann "...is' doch Alles o.k., ey!". Mit der Einstellung dauert's leider ein wenig länger, bis es überzeugend klingt...

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3. Leichte Beugung des rechten Handgelenks

Die rechte (Anschlags-) Hand ist leicht gebeugt zu den Saiten gerichtet (leichter Knick im Handgelenk), der Arm liegt locker auf den Zargen (das sind die Seitenwände des Gitarrenkorpus). Je nachdem, ob Ihr die klassische Haltung der Gitarre bevorzugt (linkes Bein auf Fußbänkchen, Gitarre auf linkes Bein - ich bin da wegen eventueller Rückenprobleme nicht so ein Fan von...) oder ob Ihr lieber die "Flamenco" Haltung (rechtes Bein erhöht, Gitarre auf rechtes Bein) mögt, ist die Position, wo der rechte Arm aufliegt etwas unterschiedlich.

rechte Hand beim Gitarrenspiel

 

4. Der Ton ist so gut, wie sorgfältig man (und Frau ;-) den Anschlagspunkt wählt und präzise man die Saite anschlägt

Bei der klassischen Gitarre schlägt der Daumen meist die Töne auf den drei Bass-saiten E, A, D an, Zeige-, Mittel- und Ringfinger spielen größtenteils auf den Diskantsaiten g,h und (hohe) e.
Hier 4 wichtige Regeln auf dem Weg zum guten Ton:


a) Die Saite gut spüren
Die Saite bietet durch Ihre Spannung dem jeweiligen Anschlagsfinger Widerstand. Mit diesem setzt man sich als SpielerIn auseinander. Wie heftig, sanft oder locker man diesen Widerstand "behandelt", so ist das Endergebnis beim Anschlag: Der Klang. Um die Saite gut zu spüren drückt Eure Fingerkuppen vor dem Anschlag zur Übung ruhig mal etwas kräftiger in die Saite. Wenn Ihr einen Ton danach spielt, werdet Ihr merken, daß er lauter als gewöhnlich ist.

klassische Gitarre
anschlag klassische Gitarre
Blick aus der Gitarre auf die Anschlagsfinger
(jetzt fragt Ihr Euch, wie ich das Foto hingekriegt habe.. ;-)

b) Fingerkuppe und Nagel berühren gleichzeitig Saite
Am Startpunkt des Anschlags drückt die Fingerkuppe (die Haut an der Fingerspitze) die Saite ein wenig runter, die Saite sollte jetzt aber auch den seitlichen Teil des Nagels (etwa da wo der weisse Teil anfängt) berühren. KUPPE und NAGEL bilden eine EINHEIT beim Anschlag. Nur so kann man einen vollen Ton kriegen, der den weichen Soundanteil der Kuppe und den percussiven Touch des Fingernagels hat.


c) Saite rutscht beim Anschlag an der Nagelkante entlang (Siehe weisser Pfeil)
Wenn Ihr den Druck auf die Saite aus der Startposition des Anschlags (s. b) erhöht, gibt diese irgendwann nach und rutscht an der Kante des Fingernagels, wie an einer Rampe, entlang bis sie schließlich frei schwingen kann und einen (hoffentlich schönen) Ton von sich gibt. Wichtig ist also auch, daß Bewegungsrichtung des anschlagenden Fingers leicht schräg zu den Saiten verläuft, damit die Saite optimal an der Nagelkante lang rutschen kann.

Daumenanschlag klassische Gitarre
Blick von oben auf den Daumen
fingeranschlag klassische Gitarre


d) Nägel feilen und polieren
Wenn Ihr wirklich spitzenmäßige Töne aus Euren Instrumenten holen wollt, müßt Ihr sehr sorgfältig mit den paar Millimetern an den Fingerspitzen, die dafür zuständig sind, umgehen. Da die Saiten die Kanten der Fingernägel als Rampen benutzen, müssen diese Stellen am Finger möglichst glatt und eben gefeilt werden. Ihr müßt richtige FeinmechanikerInnen sein, wenn's toll klingen soll.

Fingernagel Fingernägel beim Gitarre spielen
Nicht wundern, mein Zeigefingernagel ist seit Jahren schon von meinen
E-Gitarren Aktivitäten auf der rechten Seite abgeschliffen. Klassisch Anschlagen
tue ich mit der linken runden Seite des Nagels...

Kleine Unebenheiten, Risse und rauhe Stellen an der "Rampe" verursachen kratzige Sounds. Außerdem bleiben die Finger hängen, Verspieler sind vorprogrammiert. Um das zu Vermeiden, kann ich Euch nur empfehlen, Euch täglich etwas Zeit zu nehmen und die Fingernägel (am besten mit möglichst feinem Schmirgelpapier aus dem Baumarkt oder Spezialfeilen bei D & M..) superglatt zu halten. Außerdem bricht ein polierter Nagel nicht mehr so schnell (,was very ätzend sein kann, wenn man sich schon mal an den schönen Ton gewöhnt hat..).

Tipp für Western/Acoustic GitarristInnen:

Was für die rechte Hand bei der klassischen Gitarre gilt, nutzt (mit Einschränkungen) auch auf 'ner Stahlsaiten Acoustic Gitarre. Hier muß man vielleicht ein bisserl dezenter zu Werke gehen (harte Fingernägel sind auch von Vorteil! - Nägel polieren ein Muß!), aber auch auf Stahlsaiten macht sich ein guter Anschlag immer bemerkbar.

Soweit ich weiß, haben einige Gitarristen (Leo Kottke, Werner Lämmerhirt) sich übrigens durch zu großen Kraftaufwand in den Händen (wahrscheinlich auch in der rechten..) chronische Krankheiten eingefangen. Seid also very vorsichtig, versucht den vollen Sound durch gute Technik nicht durch Kraft zu erreichen!

6. Also: IMMER WIEDER ENTSPANNEN

Wie schon bei der linken Hand gesagt, Entspannung zwischendurch bringt's! Gute Töne können nur mit Lockerheit entstehen, Erzwingen führt zu Verkrampfung und rupfigen Sounds. Den richtigen Bewegungsablauf finden und ihn locker und immer wieder gleich gut machen können ist der Trick.

Bis das motorische Gedächtnis Euch den Gefallen tut, und Euch die Arbeit beim Spielen abnimmt ist es ein langer Weg. Wenn man mit verspannten Händen übt, erreicht man das Ziel nie (leider merkt sich das motorische Gedächtnis die Verspannungen nämlich...). Also immer wieder rechten Arm, rechte Hand neben dem Körper hängen lassen. Entspannen lernen - immer wieder kontrollieren, ob die Hand wirklich locker ist.

Tipp:
Je mehr Ihr lernt, entspannt zu spielen, desto leichter kommt Ihr voran, desto besser klingt's!


I. Die erste Anschlagsübung:

Die erste Übung für die rechte Hand, die ich meinen SchülerInnen (seit zig Jahren.. ;-) beibringe, ist ein sogenanntes "Arpeggio". "Arpeggio" (ital.) heißt übersetzt "zerlegter Akkord". Von einem "Akkord" spricht man, wenn mehr als zwei Töne zusammenklingen. Was das genau ist könnt Ihr in meinem Harmonielehre Workshop lesen. Hier sei nur gesagt, daß Ihr die Akkordtöne nacheinander anschlagt, den Akkord also "zerlegt" spielt.

so geht's:

a) Ausgangsposition:

Ihr legt den rechten Daumen (p = pulgar) auf die tiefe E-Saite, den Zeigefinger (i = indice) auf die G-Saite, Mittelfinger (m = medio) auf die H-Saite und den Ringfinger (a = anular) auf die hohe E-Saite. Die Hand sollte so wie auf dem Bild oben leicht gebeugt im Handgelenk sein und die Finger die Saiten wie auf den Fotos darunter berühren.

b) Saite gut spüren:

Spürt gut, wo die Saiten die Fingerspitzen berühren. Um das zu erreichen, drückt die einzelnen Saiten mit den Fingerspitzen nach unten (Richtung Gitarrendecke).

c) Saiten nacheinander anschlagen:

Jetzt schlagt langsam jede Saite einzeln an. Beachtet die Regeln, die oben bei den Bildern stehen. Nach dem Anschlag kehrt mit dem Finger wieder auf die Saite zur Ausgansposition zurück und laßt ihn da liegen. Das trainiert die Unabhängikeit der Finger.

d) HINHÖREN!

Hört genau hin, ob ein schöner, klarer, relativ lauter Ton aus Eurer Gitarre kommt. AKTZEPTIERT KEINE SCHLECHTEN TÖNE!
(Das ist übrigens der beste Weg gut spielen zu lernen ;-)

Weil das ganze doch etwas super kompliziert ist (wenn man's /frau's richtig gut machen will...) gibt's (zur Feier des Tages) diesmal sogar ein Video zu dieser Übung. Probiert aus welches Format bei Euch am besten läuft, kann sein, daß Ihr Euch den gratis Codec von DivX besorgen müsst...

Midi anhören
Video (Media 9 Avi 254 KB) - rechte Maustaste "speichern unter"
Video (DivX 5,1,Avi 794 KB) - dito


Hier gibt's den Video Codec, falls Ihr nix seht:
http://www.codec-download.de/


arpeggio anschlag

 

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